Illusionäre Raumexperimente für die Präsentation von Architektur/Innenarchitektur-Hochschulen beeindruckten auf Messen wie der IMM in Köln oder der Mailänder Möbelmesse.

Wenn Hochschulen sich auf Messen präsentieren, geht es meistens um das Hochschulangebot. Schulabgängern und Interessierten der Wirtschaft zeigen sie, welche Studienmöglichkeiten und Angebote es bei ihnen gibt, und sie stellen ihre Studiengänge vor. Bei Technischen Hochschulen geht es um Produktideen und Technologie-Entwicklungen. Messen werden daher gern als Forum für den Wissens- und Technologietransfer genutzt, um Innovationen aus der Forschung in die Anwendung zu bringen oder Projekte zu präsentieren. Hochschulen für Textil­design präsentierten z. B. Textilentwürfe auf der „Heimtextil“ in Frankfurt. Designstudenten wiederum zeigten ihre Arbeiten auf der „Internationalen Möbelmesse“ in Köln oder auf dem „Designers’ Saturday“ in Langenthal in der Schweiz. Seltener ist es, dass die Architekturhochschulen sich selbst als Institution, als Marke, auf einer Messe präsentieren, um über die Messearchitektur die Qualität der Hochschule unter Beweis zu stellen. Die wenigen Beispiele, die ich aus den letzten Jahren gefunden habe, zeigen fast immer eine Auseinandersetzung mit dem Raum. Wie wird ein Raum definiert? Wie verändert er sich? Durch welche architektonischen Mittel können sich Raumgrenzen auflösen, um ein neues Raumgefühl zu schaffen? Fragen nach Illusion und Wirklichkeit. Es sind Entwürfe, die auf das Sehen hinzielen, schräge Architekturformen, die optisch verstören, Farben oder Linien, die Boden und Wände erobern, zum genauen Hinschauen in einer Zeit zwingen, in der die Sinne überflutet sind.

Raum-Grafik

Der Ausstellungsteil bestand aus einem klar gestalteten und einem skulptural expressiven Raumteil. Diese beiden Einheiten wurden durch eine raumübergreifende Schwarz-Weiß-Grafik zu einem Gesamtobjekt. Die Grafik beeinflusste den Raum, öffnete, verband, irritierte. Und der Raum wiederum veränderte die Grafik je nach Blickwinkel. Dadurch entstand ein Raumeindruck, der an Op-Art und Raumentwürfe von Tobias Rehberger erinnerte, dem Grenzgänger zwischen Kunst, Design und Architektur. „Durch die grafische Inszenierung ergibt sich ein einzigartiges Raumerlebnis. Wir haben die Grafiken so angelegt, dass sie die herkömmliche Raumstruktur aufbrechen“, erläuterte Prof. Frank Nickel.

Aussteller: Hochschule Ostwestfalen Lippe, Architektur, Innenarchitektur, Detmold
Studenten: Nadine Bauer, Johanna Dorf, Jan Fritz, Sarah Gmelin, Sarah Giller, Marielle Kann, Lydia Kotzan, Aline Leforth, Hong Li, Timon Mäder, Karina Müller, Florian Rodrigo, Maja Rottstegge, Sophia Rüters, Yvonne Schlesinger, Helene Smolin, Robert Vortkamp,
Dozent: Prof. Frank Nickerl
Messe: IMM 2016, Köln
Messebau: Projektgruppe an der Hochschule Detmold, zusammen mit Tapetenhersteller JuicyWalls, Erfurt
Standgröße: 40 m2

Pop-Up

Mit dem Messestand sollte die Fakultät für Innenarchitektur repräsentiert werden. Nicht Exponate aus Studienprojekten, sondern die Entwicklung der Studierenden selbst als Botschaft sollte vermittelt werden. Der Entwurf war einer Pop-up-Karte nachempfunden. Durch das Aufklappen entstand eine überdimensionale, grafische Wirkung mit großer Fernwirkung. Die überdimensionalen Buchstaben standen für „Innenarchitektur Rosenheim“ und bildeten einen Raum, der sich von mehreren Seiten betreten ließ. In ihm wurde comicartig die Geschichte des Messeauftrittes vom Entwurf bis zum Bau erzählt. Ein Stop-Motion-Film machte den Prozess erlebbar. Über einen QR-Code gelangte man auf eine Website mit weiteren Informationen zum Studiengang. Einfache Werkzeuge wie Pappe und Skizzengrafiken aus dem Alltag der Studenten bildeten die visuelle Designsprache des Messeauftritts. Boden, Rückwand und die vorgeblendeten, überdimensionalen Buchstaben bestanden aus vorkonfektionierten Leichtbauplatten. Die gesamte Stand- und Informationsgrafik, die aktive Soundinszenierung inkl. Steuerung, ein eigenes LED-Lichtsystem mit blendfreien Strahlern und eine selbstentwickelte Neonfarbe „Pop“ auf Acrylbasis wurde von den Studenten entwickelt.

Aussteller: Fakultät für Innenarchitektur, Hochschule Rosenheim
Studenten: Stella Marquordt, Verena Müller
Dozent: Prof. Gabriel Weber und Lb. Fabian Rothe
Messe: IMM 2017, Köln
Messebau: Projektteam
Standgröße: 30 m2
Award: Famab Award in Gold

Perspektive

Der Designer nimmt die Perspektive als Ausdrucksmittel der Architektur zum Anlass, um auf dem Stand eine räumliche Irritation hervorzurufen. Durch schräge Farbflächen in Schwarz, Weiß, Rot, die über die aufsteigende Rückwand hinaufgeführt werden, entsteht eine vielschichtige, perspektivische Wirkung. Ergänzend zu den Farbflächen enthält der Stand von oben herabhängende Informationshauben. Von außen sind sie mit Bildmaterial und Informationstexten bedruckt, im Inneren stehen detaillierte Informationen als kurze Filmsequenzen zur Verfügung. Die vier Hauben informieren über die vier Hauptlehrgebiete der PBSA: Entwurf, Konstruktion, Theorie und Gestaltung. Die verschiedenen Farbflächen auf dem Stand spielen mit dem Laufverhalten der Besucher und produzieren eine dynamische Spiegelung der Menschen auf dem Stand.

Aussteller: Peter Behrens School of Architecture (Hochschule Düsseldorf)
Studenten: Maximilian Hörchens, Mönchengladbach
Messe: fiktiv, nicht realisiert
Standgröße: ca. 35 m2

Trillusion

Bei diesem Entwurf ging es um eine Verbindung zwischen Architektur, Möbeln und Grafik. Sind Möbel raumdefinierende Elemente oder erweitern sie den Raum durch eine zusätzliche Dimension? Lassen sie sich an den Raum anpassen oder entsteht Raum erst durch die Positionierung der Möbel? Die Möbel wie Stehtisch und Sitzbank wurden in den durch Diagonalen und diagonale Farbflächen geprägten Raum eingefügt, sodass sie eine architektonische Einheit bildeten. Die grafischen Farbflächen an Wand und Boden als Fortführung der gebauten Möbelkanten übersetzten die zweidimensionalen Flächen in eine optische Täuschung und ließen den Raum größer erscheinen, als er war. Durch die Synthese von Möbel und Grafik verschwand die Grenze zwischen Realität und Illusion. Oberflächen wurden zu Raum, Raum wurde zur Fläche und lud die Besucher zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsraum ein.

Aussteller: Hochschule Darmstadt, FB Architektur-Innenarchitektur
Studenten: Isabell Brandau, Johannes Herud, Anne Kielenz, Lilia Moellmann, Sina Mutschall, Jakob Spenst, Christoph Stoll, Johanna Uhland
Dozent: Boris Banozic, Frankfurt/M
Messe: Mailänder Möbelmesse, Salone Satellite 2012
Messebau: Schreinerei Uhland, Darmstadt und Caparol
Standgröße: 24 m2

Fotos: Ben Hermanni ,Gabriel Weber, Maximilian Hörchens, Kristof Lemp

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