„Langweilig war mir nie“: So lautet der Titel eines der Bücher von Lotte Tobisch – und er bringt ihr Lebensmotto perfekt auf den Punkt. Die österreichische Schauspielerin und Autorin war vielseitig interessiert und engagiert – auch im Eventbereich.

So leitete sie unter anderem von 1981 bis 1996 den Wiener Opernball. Unter ihrer Führung wurde der traditionelle Künstlerball zu einem rot-weiß-roten Event der Extraklasse. 

In ihrer Rolle als „Ballmutter“ erlangte Tobisch Kultstatus quer über alle Generationen. Vor allem ihre liebevoll pointierten Reibereien mit Ioan Holender, dem damaligen Chef der Wiener Staatsoper, und Baumeister Richard Lugner sind mir noch gut in Erinnerung. 

Ihre wahre Leidenschaft galt allerdings nicht dem Society-Parkett, sondern einem ganz besonderen Charity-Projekt. „Wenn Sie die Möglichkeit haben, erwähnen Sie bitte auch irgendwo mein Künstlerheim in Baden. Das Projekt liegt mir nämlich ganz besonders am Herzen und da kann ich jede Unterstützung brauchen“, gab mir Lotte Tobisch einmal mit auf den Weg. Als Präsidentin des „Vereins Künstler helfen Künstlern“ engagierte sie sich jahrelang mit Herzblut für jenes historische Gebäude in Baden bei Wien, das pensionierten Künstlerinnen und Künstlern ein würdevolles Leben im Alter ermöglicht. 

Dort ist Lotte Tobisch letztlich auch verstorben.   

Am 4. März des heurigen Jahres traf ich Lotte Tobisch zu unserem letzten Interview in ihrer Wohnung unweit der Oper. Dort führte ich mit ihr im Auftrag des event marketing board austria (emba) ein ausführliches Gespräch über ihren Zugang zum Thema Event-Marketing. Das Video beginnt Sie mit den Worten: „Also, ich bin die Lotte Tobisch, Sie werden mich ja leider kennen, vom Opernball. Er ist nicht der Mittelpunkt meines Lebens, ich habe ihn 15 Jahre gemacht und gern gemacht. Außerdem bin ich ein Mitglied von der Austrian Event Hall of Fame und darum bin ich jetzt da.“

Dieses Video ist Teil einer Serie, die ich gemeinsam mit Oliver Kitz (siehe Foto oben), dem Initiator der Austrian Event Hall of Fame, produziert habe. Gemeinsam haben wir die Honoratioren der Austrian Event Hall of Fame zu Videointerviews gebeten, um das geballte Event-Know-how, die Gedanken sowie die vielen Anekdoten und Schnurren für die Nachwelt zu konservieren. 

Ich bin überzeugt, dass gerade auch junge, aufstrebende Event-Managerinnen und Event-Manager von diesem unschätzbaren Wissensschatz profitieren werden. 

Adieu, Lotte Tobisch, ruhe in Frieden. 

Hier nochmals exklusiv zum Nachlesen die besten Passagen aus meinem Interview mit Lotte Tobisch–Labotýn. 

Wie sind Sie zum Event-Management gekommen?

Ja, das wundere ich mich heute auch, denn ich habe mein ganzes Leben nie etwas mit einem Büro zu tun gehabt. Aber wissen Sie, mein erlernter Beruf ist Schauspielerin und ich habe mich mit Literatur und diesen Dingen befasst. Aber an und für sich bin ich schon seit Jahrzehnten das, was man einen professionellen Dilettanten nennt. Ich bin ein Amateur in allem. Aber wenn ich was möchte, dann bringe ich es irgendwie zusammen. Ich bin sehr gut im Abschauen. Also wenn ein Elektriker kommt und einen Schalter repariert, dann schau ich mir das an und ich kann jetzt wunderbar Schalter reparieren. Das kann ich alles. Ich schau mir das an und dann versuche ich es. Hier und da gibt’s einen Kurzschluss, aber im Allgemeinen geht’s dann.
Schauen Sie, ganz fremd war es nicht. Ich bin ja so uralt, ich erinnere mich noch genau, wie meine Mutter im Jahr 1935, wie der erste richtige Opernball war – vorher gab’s ja auch schon so was, Redouten –, wie sie am Opernball gegangen ist. Also es war mir wahrlich nicht fremd. Aber ich bin kein großer Ballfex. Erstens der berühmte Wiener Walzer, der ja das Schönste ist, was es gibt, also ganz ehrlich gesagt, ich speib’ sofort, ich vertrag das Drehen nicht. Also, ich bin kein Ballgeher. Aber ich organisiere gerne, das ist eine Spezialität, und das kann ich auch. Und ich habe auch in späteren Jahren am Burgtheater, als ich nicht mehr oder wenig gespielt habe, auch organisiert und so kam ich eines Tages dazu. Der damalige Chef der Bundestheater hat gesagt: „Na die Tobisch kommt aus diesen Kreisen, den sogenannten feinen Kreisen, und die kennt sich aus und sie kann organisieren. Und sie nimmt das auch ernst, die Arbeit, aber sie nimmt den Ball nicht so todernst. Es ist nicht die Weltfriedenskonferenz.“ Ich hab immer gesagt, Opernball muss man ernsthaft machen, aber nicht ganz ernst nehmen.

Was macht für Sie einen Event einzigartig?

Das kann ich schwer sagen. Für mich persönlich sind immer die Menschen entscheidend, mir ist egal wo. Wenn ich irgendjemanden treffe, der interessant ist, der mich interessiert, der irgendwas zu melden hat, was auf der Welt interessant ist. Sonst ist mir egal, ob die Leute arm oder reich sind. Wenn s’ arm sind, tun sie mir leid, wenn ich helfen kann, kann ich. Und wenn sie reich sind, tu ich sie teilweise bedauern, denn wenn man viel Geld hat, hat man noch mehr Sorgen. Ich beneide nicht Menschen, das ist nicht meine Art. Außerdem komme ich aus einer ehemals sehr reichen Familie und ich weiß, wie geschwind das weg sein kann. Und ich habe sie leiden sehen, alle miteinander. Gott sei Dank bin ich davon verschont geblieben. Aber sonst nein, mich interessieren im Allgemeinen die Menschen. Warum sie gewisse Dinge tun, das interessiert mich. Wahrscheinlich hätte ich lieber Psychologie studieren sollen oder irgendwas Vernünftiges ernsthaft studieren. Weil das ist interessant, nachdenken, warum macht das jemand, warum tut er das, das interessiert mich und wie er die Folgen nicht bedenkt. Der alte Aesop, der die berühmten Fabeln geschrieben hat, ich weiß nicht 350 vor Christi, der hat den schönen Spruch getan: „Was immer du tust, bedenke das Ende.“ Und das fehlt oft sehr. Die Leute machen was und man denkt sich, was hat er sich gedacht, das kann nicht gut ausgehen. Also diese Dinge interessieren mich wirklich.

Welches Learning, welche Erkenntnis haben Sie ganz persönlich aus Ihrem Wirken als Event-Managerin mitgenommen?

Die Erkenntnis, die passt hier wirklich nicht her, die Erkenntnis des Karl Marx: „Revolutionen können vieles verändern, nur eines nicht, die Menschen sind immer gleich.“

Was war die bisher größte Herausforderung in Ihrer Karriere, für die Sie sich selbst auszeichnen würden?

Nein, ich würde mich auf keinen Fall auszeichnen. Und wenn jetzt Leute kommen, jüngere, und sagen: „Sie sind ein Vorbild“, sag ich um Gottes Willen, nur nicht nachmachen bitte, nur nicht nachmachen! Also ich habe so viele Dinge in meinem Leben gemacht, wo ich nur sagen kann: Ein gütiges Schicksal – Sie können es Schicksal, lieber Gott nennen, wie Sie wollen – hat mich vor Konsequenzen bewahrt, die genauso hätten sein können, nämlich schlechte. Ich habe ein Glück gehabt, es ist gut ausgegangen. Das ist ein Glück. Und so betrachte ich im hohen Alter, man kann schon sagen im biblischen Alter bald, so betrachte ich auch das Leben. Also dass ich immer sage, eigentlich muss man dankbar sein, ich jedenfalls, und ich hab auch viel Glück gehabt. Und das ist etwas, wo ich mir oft bei Menschen sage, die ich treffe, er ist fleißig, er ist ordentlich, er hat alles ordentlich gemacht, er hat ein Pech, es geht daneben. Was immer, es geht ihm schlecht, er ist krank, er hat Geldsorgen, er wird nicht anerkannt, er wird schlecht behandelt. Ja, da hat man ja ein großes Glück, wenn einem das alles nicht passiert. Da ist ja gern lustig sein.

Haben Sie einen persönlichen Leitsatz, ein Lebensmotto?

Es ist ein Satz, den ich sehr liebe, und der ist von einem der großen Philosophen. „Weil es der Gesundheit zuträglich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.“

Welche Bedeutung haben Veranstaltungen in Ihrem Leben?

In meinem Leben haben sie nicht sehr viel Bedeutung, aber Veranstaltungen können Bedeutung haben. Und es wird sicher viel gemacht, was eigentlich heiße Luft ist, wo man einiges bewirken könnte, bei gut gemachten Veranstaltungen, die auch sinnvoll sind. Sicher, Veranstaltungen sind wichtig und es wäre schon gut, wenn sich so manche Gesellschaften überlegen würden, neben der Hetz, die die Sache sein soll, soll ja lustig sein, aber auch irgendeinen sozialen Sinn haben. Eine Gemeinschaft bilden, wir alle leiden ja irgendwie, noch dazu in der jetzt digitalisierten Zeit, darunter, dass man den persönlichen Kontakt immer mehr verliert. Und Events, wo noch Menschen zusammenkommen, werden eigentlich immer wichtiger. Ich sehe es bei meiner Familie, Nichten und Neffen, die reden nichts mehr miteinander. Die sitzen und … Das ist ja nicht so gut, wenn alles virtuell ist, man sieht nur Bilder. Wie der Volksmund sagt: „Ich kann den nicht schmecken, ich kann den nicht riechen.“ Das hat ja einen Sinn. Und das ist alles nix. Ich mein, es ist ganz lustig zum Nachschauen, wann wer geboren ist, aber das sind keine Freundschaften, das sind keine wirklichen Beziehungen. Dazu muss man jemanden riechen können. Wenn man jemanden nicht riechen kann, hilft nix.

Welche Bedeutung hat es für Sie, Mitglied der Austrian Event Hall of Fame zu sein?

Schauen Sie, man freut sich. Der alte Kreisky hat gesagt: „Die wissen gar nicht, wie viel Lob man verträgt.“ Und so ist es. Man soll nicht immer so sagen, das ist mir wurscht. Irgendwo ist mir das wurscht, aber andererseits, es freut einen doch. Das ist doch klar! Man hat doch ganz gern, wenn jemand sagt, das hast du gut gemacht. Sicher, das freut mich natürlich. Das ist besonders nett. Und ich sag noch einmal Danke! Danke kann man nicht oft genug sagen.

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